Das Kiewer Höhlenkloster: 70 Prozent der Ukrainer sehen sich als orthodoxe Christen. Ein Großteil sieht sich demnach als Anhänger des Kiewer Patriarchats. (Quelle: Pavlo Gonchar)

Die Ukraine steht seit Jahren unter gewaltigem Druck Russlands. Nun wehrt sie sich auf unerwartete Weise – mit einer eigenen Kirche. Doch die Loslösung bedeutet einen tiefen Riss in der orthodoxen Christenheit.

In der Ukraine soll mit der Gründung einer neuen orthodoxen Landeskirche die religiöse Unabhängigkeit von Russland bekräftigt werden. Drei bislang konkurrierende orthodoxe Kirchen sollen sich am Samstag in Kiew vereinigen. Zu der Synode werden nach örtlichen Medienberichten etwa 200 Bischöfe, Priester, Mönche und Laien erwartet. Schauplatz ist die historisch bedeutendste Kirche der Stadt, die Sophienkathedrale, die eigentlich ein staatliches Museum unter Schutz der Unesco ist. Als Ehrengast wird der ukrainische Präsident Petro Poroschenko erwartet.

Die russische orthodoxe Kirche läuft indes Sturm gegen die Loslösung der Ukraine, die 300 Jahre lang zu ihrem Kirchengebiet gezählt hat. Der Streit spaltet die etwa 300 Millionen Gläubige zählende orthodoxe Christenheit seit Monaten. Auch eine Eskalation in dem ohnehin mit Gewalt ausgetragenen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist nicht ausgeschlossen.

Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel als oberste Instanz der orthodoxen Kirchen ist aber entschlossen, die Eigenständigkeit der neuen ukrainischen Kirche anzuerkennen. Patriarch Bartholomaios will am 6. Januar an seinem Dienstsitz in Istanbul dem neu gewählten Kiewer Kirchenoberhaupt den Erlass über die Autokephalie (Eigenständigkeit) überreichen. Die Leitung der Kirchenversammlung in Kiew wird sein Abgesandter haben, Metropolit Emmanuel.

Welchen Namen bekommt die neue Kirche?

Zu der Synode kommen allein 40 Bischöfe des Kiewer Patriarchats, das sich 1992 vom Moskauer Patriarchat abgespalten hat. Die 1921 in einem ähnlichen Kirchenkongress gegründete Ukrainische Autokephale Kirche wird zwölf Bischöfe entsenden.

Unsicher war bis zuletzt, wie viele Vertreter des Moskauer Patriarchats in der Ukraine kommen. Die Moskauer Kirche hat bereits die Beziehungen zu Bartholomaios abgebrochen. In der Ukraine untersagt sie ihren Geistlichen die Teilnahme an der Einigungssynode. Einladungen an die über 90 Bischöfe wurden nicht angenommen oder wieder zurückgesandt. Der Kiewer Patriarch Filaret erwartet daher nur drei bis vier Bischöfe der Konkurrenzkirche.

Auf der Tagesordnung stehen die Gründung der neuen Kirche, die Bestätigung ihres Statuts und die Wahl eines Oberhaupts. Umstritten sind dabei die Zahl der Kandidaten, die Prozedur der Wahl und auch der Name der neuen Kirche. Deshalb ist nicht ausgeschlossen, dass die Synode auch über den Samstag hinaus tagen könnte oder gar nicht zu einem Ergebnis kommt.

Für Poroschenko ist die Kircheneinigung Teil seines Wahlkampfs für die angestrebte Wiederwahl im Frühjahr 2019. Er will damit bei nationalistisch gesinnten Ukrainern punkten. Vertreter seines Präsidialamts haben die Gründung der Nationalkirche vorangetrieben. Kritiker werfen dem Präsidenten daher einen Verstoß gegen die verfassungsrechtliche Trennung von Kirche und Staat vor.

Umfragen zufolge betrachten sich knapp 70 Prozent der Ukrainer als orthodoxe Christen. Ein Großteil sieht sich demnach als Anhänger des Kiewer Patriarchats. Jedoch ist die Kirche des Moskauer Patriarchats nach der Zahl der Kirchen, Klöster und Geistlichen mehr als doppelt so groß. Im Westen dominiert zudem historisch bedingt die Unierte Kirche, die den Papst in Rom als Oberhaupt anerkennt. Es gibt kleinere muslimische und jüdische Gemeinden.

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