Wer Chinesisch als Muttersprache hat, den haut keine Fremdsprache um, dachte Zhang Danhong. Doch als sie mit Artikeln, Modi und Konjugation Bekanntschaft machte, empfand sie die heimischen Schriftzeichen als Kinderspiel.

Mit der Muttersprache ist es wie mit der Mutter – man kann sie sich nicht selber aussuchen. Wir Chinesen haben da den Schwarzen Peter gezogen, wenn ich das heute noch so formulieren darf. 10.000 Schriftzeichen lauern in Schulbüchern, Sachbüchern und literarischen Werken, um gesichtet, wiedererkannt und auswendig gelernt zu werden. Dass sich 3.000 davon nicht mehr im aktiven Gebrauch befinden, ist nur ein schwacher Trost. Und das Schlimmste: Das Aussehen und die Aussprache eines Schriftzeichens haben miteinander nichts zu tun. Erst wenn man über einen veritablen Wortschatz verfügt, kann man sich ab und zu ein Ratespiel bezüglich der Aussprache leisten. Dabei geht man aber auch immer das Risiko ein, daneben zu liegen und sich gnadenlos zu blamieren. 

Vor diesem Hintergrund erscheint jedem Chinesen die deutsche Sprache mit ihrem Prinzip „Geschrieben wie gesprochen und gesprochen wie geschrieben“ geradezu traumhaft. Egal, wie verzwickt ein Wort kreiert oder zusammengesetzt wird – es sprengt niemals den Rahmen von 26 lächerlichen Buchstaben. Nach zwei Jahren an der Fremdsprachenschule in Peking hätten wir Kant oder Hegel mit etwas Geschick laut vorlesen können, ohne einen blassen Schimmer zu haben, worum es geht.

Mit dem Einzug der deutschen Grammatik in den Unterricht erhielt unser Hochmut dann aber einen deutlichen Dämpfer. Subjekt, Prädikat, Objekt – die ganzen lateinischen Wörter verlangten uns Respekt ab, aber dieses Muster ist uns noch vertraut. Auch Substantiv, Verb, Adjektiv und Adverb finden Entsprechungen in der chinesischen Sprache. Selbst Unterabteilungen wie Temporaladverbien oder Lokaladverbien sind leicht nachvollziehbar.

Deutsche Grammatik – ein Buch mit sieben Siegeln

Schwieriger wurde es mit den drei bestimmten Artikeln. Warum denn drei? Während „der Vater“ und „die Mutter“ noch dem „Yin-Yang-Prinzip“ folgen, konnten wir nicht begreifen, wieso eine heranwachsende Frau als „das Mädchen“ bezeichnet wird. Und wieso gibt es für ein und dasselbe Ding mal „den Wagen“ und mal „das Auto“? Zur Verwirrung trägt auch bei, dass ein und dasselbe Wort unterschiedliche Artikel und daher unterschiedliche Bedeutungen haben kann wie zum Beispiel „Ball“ oder „Gericht“. Ein paar Utensilien im Bett reichen aus, um Deutschlernende zur Verzweiflung zu bringen: Ich stecke das Kopfkissen in den Kissenbezug, lege mich in das Bett und nehme mir die Bettdecke. Welche Logik steckt hinter diesen Artikeln?

Auch die vier Fälle machten uns zu schaffen. Nominativ und Akkusativ sind noch leicht zu vermitteln, spiegeln sie doch das „Subjekt-Objekt“-Muster wider. Was aber sollen der Genetiv und der Dativ? Hätten wir damals gewusst, dass der Dativ dem Genetiv sein Tod werden würde, hätten wir weniger Energien darauf verwendet, sie auseinander zu halten.

Genitiv blieb bei uns Genitiv. Für „trotz dem schlechten Wetter“ gab es Punktabzug

Was mich persönlich an den Rand des Nervenzusammenbruchs trieb, war die berühmt-berüchtigte Konjugation – die Beugung der regelmäßigen, unregelmäßigen und reflexiven Verben sowie Hilfsverben in jedem Tempus und Modus. Beim Perfekt und Plusquamperfekt rutscht das Hauptverb merkwürdigerweise ans Ende des Satzes. Das verlangt höchste und konstante Konzentration beim Hören, denn man wartet nicht selten minutenlang, bis mit dem Hauptverb am Ende erst der ganze Sinn des Schachtelsatzes gelüftet wird.

Chinesische Grammatik – ein Kinderspiel

Spätestens hier habe ich festgestellt, was für ein Glück wir Chinesen doch mit unserer Muttersprache haben. Da sind die Sätze meistens kurz und prägnant. Die Verben werden nicht konjugiert. Einige wenige Elemente sind dazu da, um die Zukunfts- und die Vergangenheitsform zu signalisieren. Wir kennen weder den bestimmten Artikel noch irgendwelche Fälle. Wir unterscheiden nicht zwischen Konjunktion und Konjunktionaladverbien. Kurzum: Die chinesische Grammatik ist so herrlich einfach. Ich glaube, das haben alle alten Sprachen gemeinsam: Wer hatte vor Tausenden von Jahren auch die Zeit und die Muße, so komplizierte grammatikalische Regeln aufzustellen mit dem Ziel, die Nachkommen zu quälen.

Aber da war doch was mit den Schriftzeichen? Stimmt. Sie zu erlernen kann jedoch, im Gegensatz zur deutschen Grammatik voller Tücken und Stricken, auch Spaß machen. Chinesisch ist eben auch eine Bildsprache. Es sind die kleinen Aha-Effekte, die den Lernprozess auflockern. Beispiel 囚 (qiu): Ein eingeschlossener Mensch (人) ist ganz logisch ein Häftling. Für uns aus der Deutschklasse brachte das dritte quälende Jahr mit der deutschen Grammatik den dankbaren Nebeneffekt, dass wir aufhörten, über die vielen Schriftzeichen zu jammern.

Chinesisch ist eine pure Freude: Kalligraph Cai Xiaoming findet allein für das Zeichen 寿 (langes Leben) zehntausend Schreibweisen

Ich habe mich oft gefragt, welcher Deutsche diese ganzen Regeln und Ausnahmen ausgedacht hat. Erst in Deutschland habe ich die Antwort darauf bekommen. Es war der mittelfränkische Theologe Friedrich Bauer, der im 19. Jahrhundert das Chaos der Dialekte lindern wollte und einheitliche Regeln schuf. „Der deutsche Sprachunterricht hat mein Leben sehr verbittert“, schrieb er in sein Tagebuch.

Auch ich war ein wenig verbittert, als ich in Deutschland feststellte, dass die Regeln der deutschen Grammatik, die wir damals in China büffeln und pauken mussten, von vielen Deutschen gar nicht so ernst genommen werden. Nicht nur wird mit dem Genitiv gegeizt, auch wird bei der Trennung von Konjunktion und Konjunktionaladverbien geschludert (das beste Beispiel ist das Verwechseln von „obwohl“ und „trotzdem“). Was meinen Ohren am meisten wehtut, ist jedoch die Tatsache, dass sich das Vollverb „tun“ ohne Not zu einem Hilfsverb etabliert hat. So wurde mir mal ernsthaft die Frage gestellt: „Tun Sie tanzen?“

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit 30 Jahren in Deutschland. In der Serie „Deutschsein ist kein Zuckerschlecken“ schreibt sie einmal wöchentlich über ihre ersten Kontakte mit der deutschen Sprache und ihre Integration in Deutschland.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Check Also

Ein Cowboy im Kulturschock

Erstmals in seiner mehr als 70-jährigen Geschichte reist Lucky Luke nach Europa. Der Gegen…