Frauenärzte warnen vor dauerhaften Folgen des Cannabiskonsums für das Ungeborene. Sind die Sorgen berechtigt?

Wissenschaftler raten vom Kiffen während der Schwangerschaft ab.

Pur geraucht, gemischt mit Tabak oder als Keks: Cannabis ist die am weitesten verbreitete illegale Droge in Deutschland – und wohl auch die am meisten tolerierte. Nach Daten des Europäischen Drogenberichts, der im Juni vorgestellt wurde (hier als PDF), haben mehr als 27 Prozent der Deutschen im Alter von 15 bis 64 Jahren schon einmal Cannabis konsumiert.

Aber es ist eine andere Zahl aus dem Report, die den Bundesverband der Frauenärzte am Dienstag dazu veranlasste, eine Warnung auszusprechen: Jede neunte Frau in Deutschland zwischen 18 und 34 Jahren hat in den vergangenen zwölf Monaten gekifft. In diesem Alter werden die meisten Frauen schwanger. Studien zufolge konsumieren zwei bis fünf Prozent trotzdem weiter.

Die Frauenärzte glauben, der Hauptgrund dafür ist, dass viele Cannabis für eine harmlose Droge halten, die dem Kind nicht schadet. Das aber sei falsch. „Da das Gehirn des ungeborenen Babys sich von Tag zu Tag weiter entwickelt, wirkt Cannabis genau wie Alkohol nicht einfach nur als Droge, sondern als Gift“, sagt der Präsident des Berufsverbands Christian Albring.

Manche Frauen kiffen gegen Schwangerschaftsübelkeit

Cannabis wird in der Regel als Marihuana (getrocknete Blüten und Blätter) oder als Haschisch (das zu Blöcken gepresste Harz der Hanfpflanze) konsumiert. Cannabis enthält hunderte Inhaltsstoffe. Beim Rauchen kommen weitere Giftstoffe hinzu, die durch das Verbrennen der Pflanzen und des Papiers entstehen und über deren Auswirkungen man wenig bis gar nichts weiß.

Besser erforscht ist die Stoffgruppe der Cannabinoide, allen voran delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC). Dieser Stoff, der in den Blütenständen vorkommt, ist auch für die Effekte auf die Psyche verantwortlich, etwa die euphorisierende Wirkung.

Sie kommt zustande, weil THC problemlos die Zellbarriere zwischen Blutkreislauf und Gehirn überqueren kann. Dort dockt es an bestimmte Empfängerstellen (Rezeptoren) an, die eigentlich für das körpereigene Cannabinoidsystem reserviert sind. Dieses reguliert Prozesse im Körper, die etwa mit dem Gedächtnis, Schmerz oder Übelkeit zu tun haben.

So kann Cannabis auch bei chronischen Schmerzen oder Erbrechen im Rahmen von Krebserkrankungen eingesetzt werden. Manche Frauen nehmen es auch gegen Schwangerschaftsübelkeit. Cannabis kann aber auch abhängig machen, zudem legen Studien ein erhöhtes Risiko für Psychosen und andere psychische Erkrankungen nahe.

Das Problem in der Schwangerschaft ist allerdings, dass THC nicht nur bei der Frau ankommt, sondern auch beim Baby. Das liegt daran, dass die Substanz relativ leicht die Plazentaschranke überwinden kann, die eigentlich verhindern soll, dass schädliche Stoffe den kindlichen Kreislauf erreichen.

Kinder, deren Mutter gekifft hatte, waren besonders leichtgewichtig

Spricht man über die Effekte von Cannabis in der Schwangerschaft, muss man solche, die schon im Mutterleib auftreten, von solchen unterscheiden, die in der Schwangerschaft ihren Anfang nehmen, aber manchmal erst Jahre später zu erkennen sind, vielleicht auch nie. „Die Studienlage ist allgemein schlecht“, sagt Stephanie Padberg vom Pharmakovigilanzzentrum Embryotox an der Berliner Charité.

Fehlbildungen wie bei Alkohol löse THC höchstwahrscheinlich nicht aus. In einer großen Studie fanden Wissenschaftler allerdings einen Zusammenhang zwischen dem Cannabiskonsum der Mutter und einem verminderten Wachstum der Föten in der Gebärmutter (Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry: El Marroun et al., 2009).

Besonders leichtgewichtig waren bei der Geburt diejenigen Kinder, deren Mütter die ganze Schwangerschaft hindurch gekifft hatten. Die Ursache dafür könnten Cannabisrezeptoren in der Plazenta sein, die durch THC stimuliert werden und zu einer Wachstumshemmung führen (Molecular Human Reproduction: Khare et al., 2006). In der SCOPE-Studie aus Australien, wo Cannabis eine weit verbreitete Freizeitdroge ist, führten Forscher bis zu zwölf Prozent der Frühgeburten auf THC-Kontakt im Mutterleib zurück (Reproductive Toxicology: Leemaqz et al., 2016). Eine andere große australische Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Kinder, die THC ausgesetzt waren, nach Geburt häufiger auf einer Intensivstation behandelt werden mussten (Addiction: Burns et al., 2006). Eine erhöhte Sterblichkeit aber stellten sie nicht fest.

THC sorgt für kleine Blackouts im Gehirn

Auch Entzugssymptome, wie sie bei Neugeborenen auftreten, deren Mütter während der Schwangerschaft Heroin nahmen, treten bei Babys von Cannabisraucherinnen in der Regel nicht auf. Wenn überhaupt, finden Ärzte eher subtile Auffälligkeiten. So zeigen die Kinder manchmal übertrieben starke Reflexe, weinen in hohen Tönen oder haben einen gestörten Schlafrhythmus. Wissenschaftler sehen das als Zeichen dafür, dass Cannabiskonsum in der Schwangerschaft eben nicht nur auf den das Wachstum der Kinder wirkt, sondern vor allem auf ihr Gehirn.

Dort nämlich sitzen besonders viele Cannabinoid-Rezeptoren, fast 90 Prozent der Zellen tragen solche Andockstellen. Sie sind schon sehr früh angelegt – und äußerst wichtig für die Vernetzung der Nervenzellen. Entsprechend empfindlich reagieren sie, wenn sie dabei gestört werden. „Die Prozesse bei der Hirnentwicklung kann man sich wie in einer Telefonzentrale vorstellen“, erklärt Tibor Harkany von der Medizinischen Universität Wien.

Jede Zelle im Gehirn sei mit 40.000 anderen verbunden, so der Neurowissenschaftler. Während der Entwicklung des Gehirns würden die Zellen lernen, welche von den eingehenden Informationen für sie wichtig sind und welche sie ignorieren können. „THC greift in diesen Prozess ein und sorgt für kleine Stromausfälle in den Telefonzentralen.“

Die können laut Harkany bis zu 48 Stunden anhalten. Im schlimmsten Fall würden dann „Notrufe“ leise gestellt und unwichtiges Hintergrundrauschen laut. Das Gehirn merke sich dieses falschen Muster – und zwar für das weitere Leben.

Der Neurowissenschaftler ist überzeugt, dass sich diese Effekte später auf das Lernen und die Psyche der Kinder auswirken. Veränderungen, die er vor allem an Tiermodellen untersucht hat, wollten Forscher aus den Niederlanden auch bei Menschen nachweisen.

Mittels Kernspinuntersuchungen konnten sie zeigen, dass die Hirnstruktur bei sechs- bis achtjährigen Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft Cannabis konsumierten, anders aussah, als bei nicht-exponierten Kindern: Insbesondere die vorderen Anteile der Hirnrinde waren verdickt (Biological Psychiatry: El Marroun et al., 2016). Dort, im präfrontalen Kortex, werden Prozesse gesteuert, die wichtig sind für Aufmerksamkeit, Selbstkontrolle und das Arbeitsgedächtnis.

Können sich die Kinder später Dinge schlechter merken?

Was aber bedeutet das für die Kinder? Beeinflusst der Cannabiskonsum während der Schwangerschaft wirklich, ob ein Kind später weniger aufmerksam ist oder sich Dinge schlechter merken kann? Einige Beobachtungsstudien stellen einen solchen Zusammenhang her.

In den ersten Jahren seien die Kinder zunächst unauffällig. Doch ab dem Schulalter ändere sich das. In Untersuchungen schnitten dann manche von ihnen in Sprach- und Gedächtnistests schlechter ab und waren unaufmerksamer als ihre Schulkameraden, die im Mutterleib nicht der Droge ausgesetzt waren.

Manche Veränderungen können Studien zufolge über die Kindheit hinaus bis in die Pubertät bestehen, darunter Störungen bei der Impulskontrolle, kindliche Depression, Suchtverhalten und später Kriminalität. Einige Effekte, so Harkany, könne man so erklären, dass es in Hirnbereichen, die mit Belohnung, Sucht und Motorkontrolle zu tun haben, besonders viele Cannabis-Rezeptoren gebe.

Cannabis ist nicht für alles verantwortlich

Allerdings haben all diese Studien ein Problem: Mit ihnen lässt sich nicht genau ermitteln, welchen Anteil an den kindlichen Veränderungen das Cannabis hat. „Oftmals nehmen Frauen, die viel und regelmäßig Cannabis konsumieren, auch andere Drogen wie Alkohol und Tabak ein“, sagt Stephanie Padberg von Embryotox. Auch eine schlechtere Schwangerschaftsvorsorge und schwierige soziale Situationen könnten sich auf die Entwicklung der Kinder auswirken. Deshalb, so die Ärztin, müsse man bei der Interpretation der Ergebnisse vorsichtig sein.

Vermutlich hängen die Auswirkungen auf das Kind auch von der Menge des konsumierten Rauschmittels ab. So macht es wahrscheinlich einen Unterschied, ob jemand in der fünften Woche einmal einen Joint raucht oder jeden Tag kifft. Dass Cannabis für das Kind genauso toxisch ist wie Alkohol – Trinken in der Schwangerschaft ist die häufigste Ursache einer geistigen Behinderung – ist jedenfalls unwahrscheinlich.

„Letztendlich haben wir bislang keine Beweise, dass Cannabis hochtoxisch für das Ungeborene ist, aber auch keine, um Entwarnung zu geben“, sagt Padberg. Deshalb sollte nach ihrer Meinung Frauen klar davon abgeraten werden, in der Schwangerschaft und Stillzeit weiter zu konsumieren – egal ob einmal oder regelmäßig.

Wer es allein nicht schaffe, von der Droge loszukommen, solle sich dringend professionelle Hilfe suchen, bei Beratungsstellen oder beim Frauenarzt. Padberg sagt: „Cannabis hat in der Schwangerschaft nichts zu suchen.“

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