Teile der Bevölkerung haben zu wenig Allgemeinbildung, um die Hintergründe von Feiertagen zu kennen. Das ist ein Problem, meint unser Kolumnist.

Unser Kolumnist George Turner, Berliner Wissenschaftssenator a.D..

Anlässlich von Gedenktagen wird immer wieder deutlich, wie wenig viele Zeitgenossen über die jeweiligen Anlässe wissen. Diese Feststellung wird verbunden mit der Klage über fehlende Erinnerungskultur, gefolgt von der Forderung nach mehr Bildung. Bildungspolitiker wenden dann gerne ein, dass doch rund 50 Prozent der gleichaltrigen Bevölkerung die Hochschulreife erwerben. Als wenn Abitur und Bildung gleichzusetzen wären und ein nicht erworbenes Reifezeugnis keine Bildung bedeutet.

Bildung ist mehr als bloß Ausbildung

Tatsache ist, dass es bei vielen an den nötigen Geschichtskenntnissen oder dem Wissen über den kulturellen Hintergrund von Gedenk- und Feiertagen fehlt. Jeder sollte ein Mindestmaß an Wissen haben, was sein geistig-historisches Umfeld ausmacht. Das gilt nicht nur für politische Gedenktage; auch religiöse Feiertage sollten in ihrer Bedeutung gekannt werden, damit man wenigstens weiß, warum bestimmte Wochentage arbeitsfrei sind.

Auffällig ist, dass denjenigen, die sich für bessere Bildungschancen vor allem für Kinder aus sogenannten benachteiligten Schichten einsetzen, vergessen, was Bildung ausmacht. Dazu gehören nicht nur die Fächer, die unmittelbare Vorbedingung für einen Start in den Beruf sind, also die immer wieder herausgestellten MINT-Fächer, sondern auch historisches Wissen. Wenn man feststellen muss, dass die Geschichte des eigenen Staates nur noch höchst lückenhaft gekannt wird, wenn die Oberflächlichkeit so weit geht, dass zwar freie Tage als gewerkschaftliche Errungenschaft begriffen werden, es aber nicht interessiert, welches der Grund dafür ist, sollten vor allem Bildungspolitiker begreifen, dass dies Alarmzeichen sind.

So wird die Zwei-Klassen-Gesellschaft zementiert

Eine eingeengte Sicht, die Ausbildung für Bildung hält, vernachlässigt darüber hinaus die in den zurückgedrängten musischen Fächern und im Religionsunterricht zu vermittelnden objektiven Kenntnisse. Es sollte sie auch mit Sorge erfüllen, dass damit die Kluft zwischen denen, die über mehr „Bildung“ verfügen und denjenigen, denen dieses Wissen fehlt, zementiert wird. Ebenso wie die sonst bekämpfte Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Entscheidend ist, dass die Teile der Bevölkerung, die über nicht hinreichende Kenntnisse von dem Gemeinwesen verfügen, in dem sie leben, und damit auch seine Geschichte nicht kennen und verstehen, auch Schwierigkeiten haben dürften, sich damit zu identifizieren. Das gilt nicht nur für Neuankömmlinge, also Immigranten oder Flüchtlinge, das betrifft auch „Ur-Deutsche“, deren Familien nie woanders gelebt haben.

Man mag sich nicht vorstellen, wie womöglich eine repräsentative Umfrage über Anlass und Geschichte selbst des Weihnachtsfestes ausfällt. Das sollte bedacht werden, wenn die Entscheidung über das Datum eines weiteren, zusätzlichen Feiertages ansteht.

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