Volker Rieble, Jura-Professor und Plagiatsexperte, wirft Professoren „Unlust“ vor, Verdachtsfälle aufzudecken. Wer sein Gebiet kenne, erkenne auch ein Plagiat.

Durch den Publikationsdruck auf die Wissenschaft entstünden auch „Schrotttexte“, kritisiert Juraprofessor Volker Rieble.

Herr Rieble, sind Professorinnen und Professoren inzwischen aufmerksamer, was Plagiate angeht?

Nein, niemand hat Lust zur Aufklärung. Betrogen wird immer, aber es wird den Leuten auch leicht gemacht. Wenn die Professoren was vom Thema verstünden und die Arbeiten lesen würden, würden sie die Plagiate auch erkennen. Aber wir produzieren Texte nicht, damit sie gelesen werden, sondern damit sie nicht gelesen werden. Darauf beruht das ganze System. Wenn jemand 80 Doktoranden betreut, muss man sich nicht wundern.

Sind die Professoren überlastet?

Nein, das ist Unlust, nicht Überlastung. Es gibt nicht zu viele Doktoranden, sondern zu viele schlechte Doktoranden. Bei den Juristen wird nicht aus Erkenntnisdrang promoviert, sondern wegen der zwei Buchstaben. Ich betreue überhaupt nur noch Doktoranden, die an meinem Lehrstuhl beschäftigt sind, keine Externen. Die Externen sind im Laufe der Jahre so schlecht geworden, dass ich die Arbeiten selber kleinteilig schreiben musste. Die Politik sagt uns, produziert mehr Absolventen. Aus der Masse ergeben sich dann Schrotttexte. Es ist schlimm, dass die Professoren selbst plagiieren und damit davonkommen und die Doktoranden hängt man. Bei manchen Professoren ist nicht nur die Dissertation, sondern auch die Habilitation plagiiert.

Volker Rieble ist Professor für Arbeitsrecht und Bürgerliches Recht an der LMU München und Autor des Buches „Das…

Was ist mit Plagiatssoftware?

Nichts, die hilft ja auch nichts. Da müssten Sie zu allen zitierten Texten einen online-Zugang haben. Außerdem sind die Algorithmen schlecht. Ich habe ein Plagiat durch Gefühl erkannt. Der Algorithmus hatte mir gesagt, die Arbeit ist einwandfrei. Aber wenn ein Kollege einen Studenten in der Prüfung beim Betrug erwischt, dann kommen die Eltern des 28-Jährigen mit ihren Anwälten. Auf den Ärger hat niemand Lust, beim nächsten Mal winkt man nur noch durch. Der Mensch ist nicht gerade zur Ehrlichkeit geboren. Abschreiben ist eine Kulturkonstante. Aber man kann es im Zaum halten, wenn die Gesellschaft leistungsbewusst und elitär ist. Unsere Gesellschaft ist egalitär.

Also geht die Promotion den Bach runter?

Haben Sie sich die Dissertation von Frau Giffey mal angeguckt? Es ist doch völlig wurscht, ob ein Text dieser Nullqualität nun auch noch abgeschrieben ist oder nicht. Der Dr. ist sowieso entwertet in diesem Fach. Wenn sich das rumspricht, lassen die Leute es bleiben.

Die Fragen stellte Anja Kühne.

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