Richtig in Schwung gekommen ist die Digitalisierung der Hochschullehre noch nicht. Eine Themenwoche in Berlin soll das ändern.

Hochschulen nutzen digitale Technik, um die Lehre zu modernisieren, halten aber an der Präsenzlehre fest.

Online-Vorlesungen, mit denen Studierende am Smartphone lernen können, Handy-Fragen und Feedback an die Lehrenden im Hörsaal oder virtuelle Labore: Unis und Fachhochschulen bieten zunehmend digitale Formate in der Lehre an. Doch das staatlich geförderte Hochschulforum Digitalisierung kommt jetzt zu einem eher kritischen Urteil: Zwar nutzten sie die Digitalisierung „zur Modernisierung ihrer Lehrmethoden und Curricula“. Doch es fehlten Strategien für die Lehre im digitalen Zeitalter. So werde das Modell des Vollzeitstudiums mit physischer Präsenz kaum infrage gestellt.

Die kritischen Anmerkungen, die das Hochschulforum jetzt in einem Arbeitspapier vorlegt, leitet es aus der Pilotphase seiner bundesweiten Beratungstätigkeit ab. Die Expertengruppe wurde 2014 vom Stifterverband, vom Centrum für Hochschulentwicklung von der Hochschulrektorenkonferenz gegründet. Finanziert wird das Forum vom Bundesforschungsministerium.

Anlass der Bestandsaufnahme ist eine Themenwoche zum digitalen Wandel, zu der ab dem heutigen Freitag Studierende, Hochschulmanager und Digitalisierungsexperten nach Berlin kommen. Das Programm reicht von einem Hackathon, bei dem IT-Begeisterte Prototypen für den Campus von morgen entwerfen, bis zur Konferenz „Bologna goes digital“ über Auswirkungen der Digitalisierung auf die europäische Hochschullandschaft.

Kein Druck auf Hochschulen, Online-Studiengänge anzubieten

Woran liegt es, dass Hochschulen in Deutschland noch nicht einen grundlegenden digitalen Wandel eingeleitet haben, wie ihn das Hochschulforum vertritt? „Die großen Treiber, die weltweit für Handlungsdruck zur Weiterentwicklung der Lehre im digitalen Zeitalter sorgen“, existierten hierzulande nicht, heißt es.


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Gemeint ist der international gewünschte breite Zugang zur Hochschulbildung, der durch hohe Studiengebühren behindert wird. Deshalb entwickeln US-Unis beispielsweise deutlich kostengünstigere Online-Formate für das erste Bachelor- oder Masterjahr, die den Einstieg ins zweite Jahr auf dem Campus ermöglichen.

Studierende bewerten E-Learning-Formate oft negativ

An den gebührenfreien staatlichen Unis in Deutschland dagegen gilt die flächendeckende Entwicklung von Online-Vorlesungen als personell, technisch und didaktisch zu aufwendig. Auch die Studierenden sind skeptisch. Lehrende klagen, dass sie für Inverted-Classroom-Modelle, in denen Studieninhalte mit E-Learning-Angeboten intensiv außerhalb der Uni vorbereitet werden, „mit schlechten Evaluationen abgestraft werden“, schreiben die Experten.

Um den digitalen Wandel voranzutreiben, fordert die Arbeitsgruppe Curriculum 4.0 des Hochschulforums die Politik auf, innovative Lehr- und Lernkonzepte etwa mit Mitteln des neuen Hochschulpakts vorrangig zu fördern. Hochschulen müssten sich mit neuen Formaten auf eine heterogene Studierendenschaft einstellen. Und sie sollten Data Literacy, die Fähigkeit, Daten zu erfassen, zu analysieren und bewusst einzusetzen, in den Curricula verankern, insbesondere in Lehramtsstudiengängen.

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