Wenn man Tiere beobachtet, sollten diese am besten gar nichts davon merken. Das funktioniert aber nicht einmal mit automatischen Kameras im Urwald.

Das sind Schimpanse, Gorilla, Bonobo (v.li.). Was man auf den Bildern nicht sieht, was die Bilder aber durchaus beeinflusst hat,…

Der sogenannte Beobachtereffekt hat schon mancher Physikerin oder manchem anderen Naturwissenschaftler schlaflose Nächte gebracht. Denn tatsächlich ist nichts, was man untersuchen will, überhaupt untersuchbar, ohne dass diese Untersuchung das Untersuchte nicht zumindest ein bisschen beeinflusst. Ein paar eingängige Beispiele: Ein Fieberthermometer beeinflusst die Temperatur des Patienten, weil es immer entweder etwas kälter oder wärmer ist als dieser, also von ihm Wärme aufnimmt oder an ihn abgibt. Wer den Reifendruck bei seinem Fahrrad messen will, muss dafür ein wenig Luft aus dem Reifen in das Messgerät lassen, dadurch sinkt der Druck. Und wenn ein Physiker ein Elektron nachweisen will, muss er es mit einem Photon – oder einem anderen geeigneten Teilchen – zusammenstoßen lassen, was das Elektron dann unweigerlich ablenkt. In der Quantenmechanik wird von noch viel seltsameren Beobachtereffekten berichtet. Und vieles in der Physik, was postuliert ist, aber bisher nicht nachgewiesen, ist allein deshalb so verborgen, weil es eben nicht oder kaum mit irgend etwas anderem interagiert: Ohne Beobachtereffekt auch keine Beobachtung.

Schrödingers Affe

Bei Tieren sehen Beobachtereffekte, auch jenseits von „Schrödingers Katze“, meist ein bisschen anders aus. Oft leider so: Dort, wo ein Beobachter hinkommt, lässt sich das, was er oder sie beobachten will, nicht mehr blicken. Schimpansen sind hier ein gutes Beispiel. Es braucht Jahre, bis sie sich an Menschen gewöhnen. Aber auch das bleibt dann, selbst wenn man die Affen nicht mit Bananen anlockt, nicht ohne Einfluss auf das Verhalten der Tiere.

Um den Beobachtereffekt zu minimieren einerseits, und um insgesamt mehr Informationen zu gewinnen andererseits, sind Menschenaffenforscher in jüngeren Jahren dazu übergegangen, in den Lebensräumen der Tiere Kameras und Kamerafallen aufzustellen oder zu -hängen. Was für einen Effekt diese auf die Tiere haben, haben ein paar von ihnen jetzt auch untersucht. Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie (MPI-EVA) werteten dafür Videos von Kamerafallen im Lebensraum der Affen aus.

So oder ähnlich sehen die Kamerafallen aus.

Heraus kam, dass unterschiedliche Menschenaffen ziemlich unterschiedlich auf unbekannte, vom Menschen stammende Objekte in ihrer Umgebung reagieren.

Coole Chimps, irritierte Bonobos

Die Analyse zeigte, dass die Kameras Schimpansen weitgehend kalt lassen. Die eng verwandten Bonobos reagierten hingegen eher ängstlich darauf. Die Studie liefere wichtige Erkenntnisse zum Verhalten der Menschenaffen. Sie könne aber auch dabei helfen, künftige Freilandstudien mit Kameras besser zu planen, schreiben die Forscher im Fachmagazin «Current Biology».

«Unser Ziel war es, die Reaktionen von Schimpansen, Bonobos und Gorillas auf unbekannte Objekte in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten», erläutert Ammie Kalan vom MPI-EVA. Eine zentrale Frage sei dabei gewesen, ob die Anwesenheit von Forschungsausrüstung wie Kamerafallen das Verhalten der Tiere beeinflusst – und ob es Unterschiede zwischen den Menschenaffen-Spezies gibt.

Die Wissenschaftler sammelten mehr als 2000 Videos aus Kamerafallen, die in 43 Gruppen von Schimpansen, Bonobos und Gorillas an 14 Orten in Äquatorialafrika aufgenommen worden waren. Auf den Videos ist zu sehen, wie sich einzelne Tiere oder Gruppen den Kameras nähern, verharren, die Kameras betrachten und sich dann darauf zu bewegen oder sich entfernen. Die Forscher werteten genau aus, ob und welche Tiere wie lange in die Kamera schauten und ob sie eher neugierig oder ängstlich reagierten.

Kinder sind neugieriger

Besonders überrascht waren die Forscher von der unterschiedlichen Reaktion der Schimpansen einerseits und der Bonobos („Zwergschimpansen“) andererseits, zweier eng verwandter Arten. «Die Schimpansen interessierten sich generell eher weniger für die Kamerafallen – sie schienen ihre Anwesenheit kaum zu bemerken und fühlten sich im Allgemeinen nicht von ihnen gestört», beschreibt Kalan. «Die Bonobos hingegen fühlten sich von den Kamerafallen gestört, sie näherten sich ihnen nur zögerlich oder hielten sich sogar absichtlich von ihnen fern.»

Einer gängigen Hypothese zufolge sollten besonders Schimpansen neugierig sein. Sie nutzen zum Beispiel häufig Stöcke als Werkzeuge, um an Nahrung heranzukommen. Ein solch innovatives Verhalten setzt Neugier voraus. Möglicherweise seien die Kamerafallen einfach nicht interessant genug gewesen, vermuten die Forscher. Andere Gegenstände hätten vielleicht größeres Interesse hervorgerufen.

Bei allen Arten inspizierten die jüngeren Tiere die Kamerafallen länger als die älteren. «Wie Menschenkinder nehmen auch junge Menschenaffen viele Informationen auf, um mehr über ihre Umgebung zu erfahren. Ihre Neugier hilft ihnen dabei», so Kalan. Die Affen schauten grundsätzlich auch länger in die Kameras, wenn sie allein unterwegs waren, als wenn sie in einer Gruppe kamen. Dies könne ein Beleg für die Annahme sein, dass Tiere weniger wachsam sind, wenn sie in Begleitung ihrer Artgenossen unterwegs sind.

An die Kameras gewöhnen

Die gefundenen Unterschiede müssten berücksichtigt werden, wenn es darum geht, Beobachtungsdaten aus dem Freiland zu sammeln und auszuwerten, schreiben die Forscher. Bei künftigen Studien sollte eventuell eine Vorbereitungsphase eingeplant werden, in der sich die Tiere an die Kameras gewöhnen können.

Rein physikalisch gesehen hat aber auch eine Kamera, an der ein Affe völlig interesselos vorbei geht, einen Beobachtereffekt: Sie fängt zum Beispiel Photonen auf, die sonst anderswo in der Umwelt des Tieres gelandet wären. Wenn es diesen Beobachter-Effekt nicht gäbe, wäre auch hier Beobachtung unmöglich. (rif/dpa)

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