Eine Untersuchungskommission hat der Empathie-Forscherin „erhebliches Führungsfehlverhalten“ bescheinigt. Nun musste sie gehen.

Tania Singer, ehemalige Direktorin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.

Die Psychologin Tania Singer ist als Direktorin des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig zurückgetreten. Das bestätigte die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) am Mittwoch auf Anfrage gegenüber dem Tagesspiegel. Zuvor hatte das Online-Portal „Buzzfeed News Deutschland“ von dem Rücktritt berichtet.

In der Stellungnahme der MPG heißt es: „Um eine weitere Eskalation des Konflikts zu vermeiden und allen Beteiligten die Rückkehr zu konzentrierter wissenschaftlicher Arbeit zu ermöglichen, haben die Max-Planck-Gesellschaft und Frau Singer vereinbart, dass Frau Singer ihre Leitungsfunktion als Direktorin von sich aus niederlegt.“

Singer sprach von „kommunikativen Schwierigkeiten“

Vorausgegangen waren Berichte verschiedener Medien, wonach die weltweit renommierte Empathie-Forscherin Singer Wissenschaftler aus ihrer Abteilung für Soziale Neurowissenschaft jahrelang schikaniert und gemobbt habe – auch und vor allem Schwangere. Singer habe die Mitarbeiter angeschrien, ihnen gedroht und sie abgewertet. Weiterhin wurde ihr vorgeworfen, sie habe ihr Team zu „hypothesenkonformer“ Arbeit angehalten und Mitarbeiter beschimpft oder entlassen, wenn ihre Ergebnisse nicht vorab festgelegten Thesen entsprachen. Gegenüber dem Wissenschaftsmagazin „Science“ hatten mehrere Mitarbeiter angegeben, durch die Arbeit mit Singer psychische Belastungsstörungen entwickelt zu haben.

Gegenüber dem Tagesspiegel hatte Singer die Vorwürfe als „haltlos“ bezeichnet, sie gab lediglich kommunikative Schwierigkeiten in Problemsituationen zu, vor allem in Bezug auf ihre Arbeit an dem Großprojekt „ReSource“. Die MPG entschied sich trotzdem, den Vorwürfen nachzugehen. Im September dieses Jahres setzte Max-Planck-Präsident Martin Stratmann eine Untersuchungskommission ein, um eine Klärung herbeizuführen. „Diese hat im November 2018 einen Bericht vorgelegt, der erhebliches Führungsfehlverhalten bestätigt“, heißt es in der Stellungnahme der MPG.

Ehemalige Mitarbeiter von Singer gaben gegenüber „BuzzFeed News“ an, es hätten sich mehrere Dutzend Personen namentlich an die Kommission gewandt. Zum Schutz der Mitarbeiter habe die Kommission diese Personen nur in anonymisierter Form in den Bericht aufgenommen, „obwohl dies eine Stellungnahme der Direktorin erschwert hat“, so das offizielle Statement.

Singer darf trotzdem weiter forschen

Einen Anlass, ein Verfahren wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens gegen Singer einzuleiten, sah die Kommission allerdings nicht. Und so wird die 48-Jährige auch nach ihrem Rücktritt weiter forschen dürfen. „Sie wird ihre Tätigkeit als Wissenschaftlerin ohne Leitungsfunktion außerhalb des Leipziger Instituts in kleinem Rahmen fortsetzen.“ Wie diese Tätigkeit aussehen wird, darüber machte die MPG keine Angaben. Zum Schutz aller Beteiligten hätten beide Parteien Stillschweigen in der Sache vereinbart. Singer selbst war für eine Stellungnahme am Dienstag nicht zu erreichen. Sie befindet sich seit Ende 2017 in einem Sabbatical. Das war ursprünglich dafür gedacht, die Situation zu beruhigen. Nun aber hat die Untersuchungskommission Fakten geschaffen.

Das bundesweite Netzwerk von Doktorandinnen und Doktoranden der Max-Planck-Institute „PhDnet“ begrüßte die Entscheidung, insbesondere, „dass Frau Singer keine Leitungsfunktion mehr innehaben wird und keine Nachwuchswissenschaftler_innen mehr unter ihrem Fehlverhalten zu leiden haben werden“, schrieben sie auf Facebook. Zukünftige Fälle sollten jedoch „souveräner, transparenter und zügiger gehandhabt werden“. In einem Positionspapier hatten die Doktoranden bereits im Sommer 2018 Machtmissbrauch, steile Hierarchien, hohen Publikationsdruck sowie fehlendes Training in Personalführung bei wissenschaftlichen Führungspersönlichkeiten beklagt.

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