Manchen sind die Studierenden heute nicht reif genug. Dabei war früher auch nicht alles besser, meint unser Kolumnist.

Unser Kolumnist George Turner, Berliner Wissenschaftssenator a.D..

Es ist noch nicht lange her, da gab es lautstarke Klagen über das Alter der Hochschulabsolventen: Das Gros studiere zu lange, nämlich 13 bis 14 Semester, das Durchschnittsalter der Jungakademiker war 28 Jahre. Die Folge waren Reformen. Die Schulzeit wurde (zeitweilig) verkürzt, das Studium mit dem Abschluss als Bachelor gestrafft. Hinzu kam die Aussetzung des Wehrdienstes. Wieder gibt es Unwillen: Die jungen Menschen seien zu jung, manche noch nicht einmal 18, damit nicht voll geschäftsfähig, wenn sie an die Hochschulen kommen. Für den Eintritt ins Berufsleben seien sie auf jeden Fall mit dem Bachelor-Abschluss nicht reif.

Der Charakter der Hochschulen hat sich verändert

Bei den Vergleichen wird übersehen, dass die Population an den Hochschulen eine andere geworden ist. Studierten vor einigen Jahrzehnten, etwa 1960, nur fünf Prozent, sind es – ständig ansteigend – inzwischen 50 Prozent der in Betracht kommenden Altersgruppe. Nicht ohne Grund wird die mangelnde Studierfähigkeit bei einem Teil vermisst. „Nachhilfe“ unterschiedlicher Art ist erforderlich. Mit dem Anwachsen der Zahl der Studierenden (und der Professoren) hat sich auch der Charakter vor allem der Universitäten verändert: Sie werden von vielen als Einrichtungen lediglich zur Berufsvorbereitung wahrgenommen. Zwar wird viel über die Einheit von Forschung und Lehre geredet; bei näherem Hinsehen sollte man froh sein, wenn wenigstens die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten vermittelt und erworben wird.

Verklärung spielt eine Rolle

Wenn es richtig ist, dass das einmal Erlernte nicht für eine lebenslange Berufstätigkeit ausreicht, die Anforderungen sich ständig ändern werden und Weiterbildung zukünftig ein integraler Bestandteil des Berufslebens sein wird, sollte man froh sein, wenn die Hochschulabsolventen im Durchschnitt deutlich jünger sind als 28. Auch früher, als deutlich weniger eines Altersjahrgangs als derzeit studierten, waren sie mit dem Examen nicht in der Lage, nahtlos in den Beruf einzusteigen. Vergesslichkeit und Verklärung früherer Gegebenheiten spielen bei der Kritik der aktuellen Lage offenbar eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Mit der Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren wird sich das durchschnittliche Alter der Studienanfänger wieder erhöhen. Immerhin: Die Bachelor-Absolventen werden jünger als frühere Generationen mit dem Diplom oder Staatsexamen sein. Der jetzige Befund, nämlich jüngere Absolventen, ist gewollt; ebenso war ein kürzeres und damit zwangsläufig auch inhaltlich reduziertes Studium das Ziel unterschiedlicher Reformen. Inzwischen hat man es erreicht und sollte zufrieden damit sein. Früher war nicht alles besser.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail senden: george.turner@t-online.de

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