Bestimmt schon die Geburtsreihenfolge, ob ein Kind später Beamter oder Abenteurer wird? Das haben Forscher auch anhand von Daten aus Deutschland untersucht.

Die Reihenfolge ist egal – zumindest wenn es darum geht, wie risikofreudig die Kinder als Erwachsene sind.

Abenteuerlustig, kontaktfreudig, unerschrocken: Das ist für viele der Prototyp des jüngeren Bruders, während ältere Geschwister eher gewissenhaft, vorsichtig und konservativ sind. Ein bekanntes Beispiel dafür sind die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt. Während der jüngere Alexander die Welt bereiste und waghalsige Expeditionen unternahm, blieb Wilhelm in Berlin, heiratete jung und wurde Beamter. Aber hat die Reihenfolge der Geburt wirklich einen Einfluss darauf, wie risikofreudig die Nachkommen im Erwachsenenalter werden?

In der bisher umfangreichsten Untersuchung zu diesem Thema ist ein deutsch-spanisches Forscherteam um Ralph Hertwig, Daniel Schnitzlein, Renato Frey und Tomás Lejarraga nun zu dem Ergebnis gekommen, dass die Geburtsreihenfolge keinen Einfluss auf die Risikobereitschaft im Erwachsenenalter hat. Ihre Resultate haben sie im Fachblatt PNAS veröffentlicht.

Jüngere Geschwister haben mehr Unfälle und wählen riskantere Sportarten

Um zu erklären, warum jüngere Geschwister angeblich risikofreudiger sind, dient zum Beispiel das familiendynamische Modell des US-Psychologen Frank Sulloway. Er geht davon aus, dass Erstgeborene von Natur aus stärker und intellektuell besser entwickelt sind, auch da sie die volle Aufmerksamkeit der Eltern erfahren haben. Sie entwickeln seiner Theorie zufolge eher ein Verhalten, das darauf ausgelegt ist, diesen Status zu erhalten. Im Gegensatz dazu müssten die jüngeren Geschwister alles dafür tun, um die Aufmerksamkeit der Eltern zu erhaschen. Dabei würden sie auch ihre größere Neigung zum Risiko entwickeln.

Zu dieser These passt, dass später Geborene laut verschiedenen Studien häufiger in Unfälle verwickelt sind, darunter Beinahe-Ertrinken, Haushaltsunfälle und unbeabsichtigte Verletzungen. „Diese Beobachtung passt aber auch zu der Möglichkeit, dass Unfälle in Haushalten mit mehreren Geschwistern wahrscheinlicher sind“, schreiben die Forscher. Jüngeren Kinder nahmen ihre älteren Brüder und Schwestern nach, manchmal noch bevor sie die dafür nötigen Fähigkeiten besitzen.

Auch im Sport wurde die These schon untersucht. So konnten Sulloway und Zweigenhaft 2010 in einer Metaanalyse zeigen, dass jüngere Geschwister häufiger potenziell riskantere Sportarten wählen als ältere. Außerdem verglichen sie 700 Brüder, die in der amerikanischen Major League Baseball spielen. Später Geborene führten dabei etwa zehnmal häufiger eine besonders riskante Spielaktion aus, das sogenannte Base stealing.

Sind Entdecker häufiger jüngere Geschwister?

In den vergangenen Jahren allerdings sind diverse Studien anhand von Daten aus Befragungen veröffentlicht wurden, die insgesamt keinen Zusammenhang zwischen der Geburtsreihenfolge und der Risikobereitschaft im Erwachsenenalter gezeigt haben. Aber es gibt einen entscheidenden methodischen Unterschied: Die Ergebnisse der Befragungen beruhen in der Regel auf Selbsteinschätzungen, während Sulloway in seinen Studien Verhaltensweisen auswertete. „Bisher gibt es den Effekt der Geburtsreihenfolge nur in Verhaltensdaten“, schreiben die Forscher. Aus diesem Grund entschieden sie sich, in ihrer Studie die verschiedenen Ansätze zu kombinieren.

Für ihre umfangreiche Untersuchung kombinierten die Forscher Daten aus drei verschiedenen Ansätzen: Selbsteinschätzungen, Verhaltensmesswerte sowie riskante Lebensentscheidungen. Als Erstes werteten sie die Risikobereitschaft anhand eines Fragebogens aus, den Teilnehmer des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) ausgefüllt hatten. Diese Wiederholungsbefragung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist eine der größten Haushaltsbefragungen überhaupt.

Weiterhin werteten sie Daten aus der Berlin-Basel-Risk-Study aus. Dabei wird die Risikobereitschaft der Teilnehmer anhand von 39 verschiedenen Aspekten gemessen, bei denen diese auch angeben müssen, wie sie sich in verschiedenen Situationen entscheiden würden. Zuletzt blickten die Forscher noch in die Historie, um neben den Fragebogen-Daten auch das eigentliche Verhalten von Menschen abzubilden. Dafür untersuchten sie, ob Menschen, die ein Leben als Entdecker oder Revolutionäre gewählt haben – „zwei besonders riskante Lebenswege“ – eher jüngere oder ältere Geschwister waren.

Die Ergebnisse waren eindeutig. Weder in den Selbsteinschätzungen des SOEP noch in den Messungen zur Risikobereitschaft fanden die Forscher einen Effekt der Geburtsreihenfolge darauf, wie risikofreudig die Teilnehmer als Erwachsene sind. Doch es gab ja noch die Entdecker und Revolutionäre. Bei ihnen erwarteten die Forscher am ehesten einen Effekt, analog zu den genannten Untersuchungen mit Sportlern. Aber auch hier zeigte sich kein Einfluss: Der Geburtsrang der Entdecker und Revolutionäre war genau jener, den man in einer Familie erwarten würde, in der die Geburtsreihenfolge statistisch keinen Einfluss auf Lebensentscheidungen hat. Damit widersprechen die Ergebnisse Sulloways These, dass die Risikobereitschaft bereits in der frühen Kindheit durch Familiendynamik entsteht und bis ins Erwachsenenalter anhält.

Wettbewerbsnachteil nur in der Kindheit?

Eine Erklärung, warum sie auch den Sport-Studien widersprechen, könnten laut den Forschern weniger strenge methodische Anforderungen bei Sulloways Meta-Analysen gewesen sein. Es gebe aber noch eine andere Erklärung. So könne es durchaus sein, dass es sich für jüngere Geschwister auszahle, mehr Risiken einzugehen, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. „Jedoch könnte dieser Einfluss auf die Kindheit oder vielleicht das Jugendalter beschränkt sein“, schreiben die Forscher. Generell gehen auch Personen, die eigentlich nicht sehr risikobereit sind, Risiken ein, wenn die Situation es erfordert, etwa um zu überleben. Davon sind besonders Personen betroffen, die einen „Wettbewerbsnachteil“ haben. Auch auf jüngere Geschwister könne dieser Ansatz zutreffen: Besonders in der Kindheit ist ihr Rückstand zu den älteren Geschwistern größer, etwa was ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten betrifft. Im Laufe des Lebens aber gleichen sich diese an, sodass es nicht mehr zwingend nötig ist, mehr Risiken einzugehen.

Diese Theorien sind bisher nicht bewiesen. Die Ergebnisse der Wissenschaftler aber zeigen alle in dieselbe Richtung: dass die Reihenfolge der Geburt keinen Einfluss auf das Risikoverhalten als Erwachsener hat. „Um also zu verstehen“, so beenden die Forscher ihre Arbeit, „warum Alexander von Humboldt, und nicht Wilhelm, auf den Chimborazo kletterte, müssen wir jenseits von Geburtsreihenfolge und Familiendynamik blicken.“

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