Aus Wien vertrieben: Eine Berliner Ausstellung zum Londoner Exil des Begründers der Psychoanalyse – mit zuvor nie gezeigten Dokumenten.

Sigmund Freud 1938 an seinem Londoner Schreibtisch.

Sigmund Freuds Aufbruch aus Wien ins Londoner Exil war eine Rettung in letzter Minute. Hitlers Truppen waren am 14. März 1938 in Österreich einmarschiert, die Bevölkerung hatte gejubelt, Widerstand fehlte völlig. „Finis Austriae“ hatte Freud lakonisch in sein Journal notiert: Das Ende Österreichs. Die Gleichschaltung begann sofort. Antisemitische Brutalitäten eskalierten, und Carl Zuckmayer entsetzte sich über den „Hexensabbath des Pöbels“.

Schon am 15. März tauchten SA-Männer an Freuds Haustür auf, um seine Kunstsammlung zu beschlagnahmen. Seine Frau Martha beschwichtigte sie mit 6000 Schilling aus ihrem Portemonnaie. Sie würden wiederkommen, kündigten die Männer an. Am selben Tag zwangen bewaffnete SA-Leute Freuds Sohn Martin, Leiter des Internationalen Psychoanalytischen Verlags, den Safe im Verlagshaus zu öffnen und raubten den Inhalt. Freuds Tochter Anna wurde am 22. März 1938 aus dem Elternhaus abgeholt und 24 Stunden lang von der Gestapo verhört. Sie kam nur frei, weil sich ein amerikanischer Botschaftssekretär eingeschaltet hatte.

Bescheid über die „Reichsfluchtsteuer“ von 31.329 Reichsmark

Am 16. März hatte der gealterte und krebskranke Freud, wenn auch widerstrebend, die Emigration nach London beschlossen, um seine Familie in Sicherheit zu bringen. Jahrzehnte später entstand in seinem Londoner Wohnhaus das Freud-Museum. 2018 erinnerte dort die Ausstellung „Leaving today – the Freuds in Exile 1938“ an die verzweifelten Zeit des Abschieds. Inzwischen ist diese Ausstellung nach Berlin gewandert, wo sie noch bis Ende Februar unter dem Titel „Freuds Flucht nach England: Eine unheimliche Wiederkehr“ in der Bibliothek der Internationalen Psychoanalytischen Universität (IPU) zu sehen ist.

Die Kulturwissenschaftlerin Maria Saur, drei Jahre lang Mitarbeiterin des Londoner Museums, hatte die Idee zur Exil-Ausstellung entwickelt und kuratiert die Berliner Schau, die aus Sicherheitsgründen auf Originale verzichten muss. Eindrucksvoll sprechen jedoch auch die exzellenten Fotografien, die Faksimiles der Briefe, etwa an Einstein oder an H. G. Wells, und der Dokumente, die teils zum ersten Mal öffentlich zu sehen sind, nachdem sie aus Nischen und Winkeln des Londoner Freud-Museums zutage gefördert wurden. Dazu gehört der schamlose Bescheid über die „Reichsfluchtsteuer“ von 31.329 Reichsmark, die das Regime den Eheleuten abzupressen versuchte. Assoziativ sind der Ausstellung Werke des britischen Künstlers Paul Coldwell zugesellt, so eine fragil wirkende Röntgenaufnahme von Freuds Mantel.

Eine Patientin löste die Familie in Wien aus

Freuds einstige Patientin und nun aktive Unterstützerin Marie Bonaparte war im März 1938 aus Paris nach Wien gereist und hatte zur Emigration gedrängt. Ihre finanzielle Hilfe löste die geplünderte Familie aus, ihre Interventionen an höchsten Stellen sorgten dafür, dass Freud seine bewegliche Habe nach London schicken lassen konnte. Am 4. Juni 1938 brachen die Freuds und ihre treue Haushälterin Paula Fichtl über Paris nach London auf.

In den Wochen zuvor hatte ein Kollege Freuds den jungen, jüdischen Fotografen Edmund Engelmann (1907 – 2000) beauftragt, Freuds Wohnung zu fotografieren, damit eines Tages „ein Museum zum Geburtsort der Psychoanalyse“ entstehen könne. Engelmann glückte die Flucht in die USA, und nach dem Krieg erhielt Freuds Tochter Anna die Negative, denen die Nachwelt die emblematischen Bilder aus Wien verdankt: Freuds Couch, der Schreibtisch, seine Sammlung antiker und ägyptischer Figurinen, das Türschild mit seinem Namen. Von der Berggasse19 in Wien war Freud mit Martha und Anna bei der neuen Adresse angelangt, 20, Maresfiled Gardens in London. Die „letzte Adresse auf dem Planeten“, die er haben würde, wie Freud schrieb. Die Presse in aller Welt, in Amerika, Indien, sogar Madagaskar, berichtete vom Exodus Freuds, und eine erschütternde Collage von Zeitungsausschnitten wirft in der Ausstellung Schlaglichter auf die Schlagzeilen.

Vier Schwestern Freuds wurden von den Deutschen ermordet

Indes konnten vier von fünf der Schwestern Freuds, Rosa, Mitzi, Dolfi und Paula, trotz aller Bemühungen nicht entkommen. Ihre Leben endeten 1942 und 1943 in Theresienstadt und Treblinka. Auch ihre Porträts sind, neben denen vieler Familienmitglieder und Weggefährten, in der Ausstellung zu sehen. Am 23. September 1939 starb Freud in London nach schwerer Krankheit. Von der Ermordung seiner Schwestern erfuhr die Familie erst nach Kriegsende.

Bis 21. Februar in der Internationalen Psychoanalytischen Universität (IPU), Stromstraße 1, 10555 Berlin ( Mo. bis Fr. von 9 bis 21 Uhr, Sa. 11 bis 17 Uhr). Führungen vereinbar unter [email protected]

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