Der Namensgeber der Berliner Beuth-Hochschule vertrat einen rigiden Antisemitismus. Am Mittwoch diskutierten Hochschulmitglieder, ob sie ihre Einrichtung umbenennen sollten.

Die Beuth-Hochschule in Berlin-Wedding.

Der Namensgeber der Berliner Beuth-Hochschule für Technik war Antisemit. Christian Peter Beuth, hoher preußischer Ministerialbeamter, wünschte Juden in einer Rede von 1811 den Tod und reproduzierte antijudaistische Ressentiments wie die Legenden um den Ritualmord an christlichen Kindern. So viel ist unstrittig.

Aber muss sich die Beuth-Hochschule deshalb erneut umbenennen? 2009 hatte die einstige Technische Fachhochschule Berlin Beuths Namen erhalten, damals wurde er als „geistiger Vater der Ingenieurausbildung in Deutschland“ gewürdigt. Beuth hatte 1821 mit dem Technischen Institut in Berlin die erste derartige Schule in Preußen initiiert. Er war auch ein Zeitgenosse von Friedrich Ludwig Jahn, dessen Antisemitismus derzeit in Pankow ebenfalls Forderungen nach einer Umbenennung des Jahn-Sportparks ausgelöst hat.

Hochschul-Stoffbeutel „mit dem Konterfei eines Rassisten“

Ob die Benennung nach Beuth noch haltbar ist, wird seit einem Jahr an der Weddinger Hochschule diskutiert. Bei einer Veranstaltung am Mittwoch auf Einladung des Dekans für Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften waren fast ausschließlich Argumente für die Umbenennung zu hören. „Wir stehen in einer Verantwortung, die über die Grenzen der Hochschule hinausgeht“, sagte BWL-Professor Matthias Schmidt. Man müsse sich fragen, „wie viel Entwicklungspotenzial der Name Beuth noch hat“. Achim Bühl, Professor für Soziologie der Technik, gab zu bedenken, dass man Erstsemestern künftig kaum noch einen Stoffbeutel „mit dem Konterfei eines Rassisten“ überreichen könne.

Worum geht es? Bühl stellte die Ergebnisse eines von ihm verfassten Gutachtens vor, nach denen Beuth einen sowohl „rigiden christlichen“ als auch einen „völkischen“ und „exterminatorischen Antisemitismus“ vertrat. Bühl, ein ausgewiesener Antisemitismus- und Rassismusforscher, belegte dies unter anderem mit Auszügen aus einer Rede, die Beuth 1811 vor der Deutschen Tischgesellschaft in Berlin hielt. Zur Beschneidung jüdischer Jungen hatte Beuth zu sagen: „… so wird das verbluten, und verschneiden manches Judenjungens die wahrscheinliche und wünschenswerte Folge davon sein.“ Beuth behauptet dann, die Juden wollten die Christen „ausrotten“ – und dass „sie Christenkindern das Blut abzapfen und trinken“.

Beuth als Mitglied der antisemitischen Deutschen Tischgesellschaft

In solch „hassgetränkter Rhetorik“ zeige sich Beuths „eliminatorischer Antisemitismus“, führt Bühl auch in seinem Gutachten aus. Dass er Juden in seiner Rede mit Schweinen gleichsetzt, „senkt im Kontext rassifizierender Animalisierung die Tötungshemmnis“. Die Deutsche Tischgesellschaft verfolgte das politische Ziel, die von Kanzler Hardenberg vorangetriebene Judenemanzipation zu torpedieren. In Reden anderer Mitglieder – darunter Achim von Arnim und Clemens Brentano – gehörten Vorstellungen, Juden zu quälen und zu töten, zum Standardrepertoire.

Die „ausgeprägten Gewaltfantasien“ zielten auf die „physische Existenzvernichtung der Juden“ ab, so Bühl. Damit sieht er die Haltung Beuths und anderer Mitglieder der Tischgesellschaft „als Vorbote der Shoa“. Der Soziologe kommt zu dem Schluss, die Umbenennung müsse „zügig vorangetrieben“ werden, um „weiteren Schaden abzuwenden“.

Historikergutachten: Zivilgesellschaftliche Einbettung statt Umbenennung

Die Historiker Jörg Rudolph, Archivar am Deutschen Historischen Museum, und Christian Schölzel, Gründer des Geschichtsbüros Culture and more, dagegen sprechen sich in einem Gutachten im Auftrag der Hochschulleitung dafür aus, den Namen trotz Beuths „rigidem“ Antisemitismus beizubehalten. Durch eine „zivilgesellschaftliche Einbettung“ sollte „die namensgebende Persönlichkeit Beuth“ auch in „ihren seinerzeitigen Blickverengungen betrachtet werden“, heißt es. Beuths Antisemitismus solle also an der Berliner Hochschule bewusst gemacht werden.

Schölzel und Rudolph werfen Bühl eine „allzu unhistorische Verkürzung historischer Entwicklungsläufe der deutschen Geschichte“ vor. Es sei nicht richtig, Beuth in eine „,nach Auschwitz’ führende historische Zwangsläufigkeit“ zu stellen.

In die hochschulinterne Debatte hatten sich zuvor mit Reinhard Thümer und Gerhard Ackermann die beiden vorherigen Präsidenten eingeschaltet. Auch sie weisen in einer Stellungnahme die Forderung zurück, dass die Hochschule den Namen Beuths nicht mehr tragen dürfe. Zwar seien die Reden in der Deutschen Tischgesellschaft „abstoßend, hemmungslos und auch heute noch mehr als unappetitlich“, schreiben die Altpräsidenten. Doch sei die anstößige Rede „wohl bisher das einzige Zeugnis gegen Beuth“.

Das stimmt nicht, wie bei der Diskussionsveranstaltung an der Hochschule betont wurde. Rudolph und Schölzel seien Archivfunde zu verdanken, nach denen Beuth auch als Mitglied des Staatsrats gegen die Judenemanzipation in Preußen vorging – mit Erfolg, etwa durch die Benachteiligung der Juden in Ostpreußen.

Präsidentin will „ganze Hochschule mitnehmen und informieren“

Tobias Schulze, der hochschulpolitische Sprecher der Linken-Fraktion im Abgeordnetenhaus, hält es prinzipiell für „gut, dass die Hochschule offensiv mit der Sache umgeht“. Die Vorwürfe seien „schwerwiegend“. Jetzt müsse öffentlich „eine Aufarbeitungsdebatte“ geführt werden, erklärte Schulze gegenüber dem Tagesspiegel. In der offenen Frage der Umbenennung müsse man eine weitere eingehende Prüfung der Hochschule abwarten, sagt Schulze.

Die FH will sich dafür ein Jahr Zeit nehmen, wie Präsidentin Monika Gross aus dem Publikum heraus erklärte: „Wir wollen die ganze Hochschule mitnehmen und vor allem informieren.“ Im Akademischen Senat wurde bereits eine Arbeitsgruppe aus Hochschulmitgliedern und externen Historikern vorgeschlagen.

Itai Boeing, der als Vertreter der Jüdischen Gemeinde mitdiskutierte, dankte der Hochschule, „dass sie diesen Prozess eingeleitet hat“. Nun könne sie wohl „nicht mehr zurück“, müsse sich am Ende also umbenennen. Dazu riet auch Uffa Jensen, Professor am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU. Ansonsten müsse sich die Beuth-Hochschule fragen, „ob sie bereit ist, bei jeder offiziellen Veranstaltung daran zu erinnern, dass dieser Name eine schwierige Geschichte hat“.

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