Sogar die „New York Times“ berichtet über den Fall

„Wer Keks sagt, meint Bahlsen“, heißt es auf dem Deckblatt der Unternehmenschronik. Bitter für das Keks-Imperium: Wer momentan Bahlsen sagt, meint Geschichtsklitterei – und schüttelt dabei den Kopf.

Keks-Erbin Verena Bahlsen hat sich am Mittwoch für ihre Äußerungen zu Zwangsarbeitern bei dem Süßwarenhersteller Bahlsen entschuldigt. In einer persönlichen Stellungnahme spricht sie von unbedachten Äußerungen sowie einem Fehler.

„Nichts liegt mir ferner, als den Nationalsozialismus und seine Folgen zu verharmlosen“, erklärte sie laut Mitteilung. Sie habe auch erkannt, dass sie sich intensiver mit der Historie des Unternehmens, dessen Namen sie trägt, beschäftigen müsse.

Und weiter: „Als Nachfolgegeneration haben wir Verantwortung für unsere Geschichte; ich entschuldige mich ausdrücklich bei all denen, deren Gefühle ich verletzt habe.“

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Millionen-Erbin Verena Bahlsen (25) sorgte mit ihrem Verständnis der eigenen Firmengeschichte für Unverständnis. In BILD sagte sie, Zwangsarbeiter aus der Ukraine wären während der NS-Zeit „genauso bezahlt wie die Deutschen“ worden, man hätte sie „gut behandelt“. Bahlsen habe sich „nichts zuschulden kommen lassen“.

Genau so gut bezahlt? Nichts zu schulden kommen lassen? Historiker und Zeitzeugen empörten sich – mittlerweile berichten international renommierte Zeitungen wie die „New York Times“ über den Fall. Das dürfte der Unternehmensführung gar nicht schmecken: Bahlsen exportiert seine süßen Waren nach eigenen Angaben in mehr als 80 Länder.

Der britische „Telegraph“ titelt: „Die Keks-Erbin von Schoko-Leibniz verteidigt ihre Familie für Sklavenarbeit während der Nazi-Zeit“.

„In Baracken hinter Stacheldraht“

Ein genauerer Blick in die von der Firma Bahlsen selbst erstellte Unternehmenschronik lässt erahnen, woher Verena Bahlsen ihr Geschichtsverständnis nimmt. Im Unterkapitel „Zusammen sind wir stark: Miteinander auch durch schwere Zeiten“ wird die NS-Zeit in sieben Zeilen thematisiert.

Dort heißt es, dass Zwangsarbeiter selbstverständlich die „gleiche Bezahlung wie deutsche Arbeiter“ erhielten. Es ist von „guter Behandlung“ die Rede.

„Wer nur Lohnfragen zur Bewertung heranzieht, lässt außer Acht, dass Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Osteuropa in Baracken hinter Stacheldraht leben mussten“, erklärt Professor Manfred Grieger (59), Experte für NS-Zwangsarbeit. Die Bahlsen-Darstellung unterschlage die unfreiwillige Deportation der Menschen aus ihrer Heimat und die Gewalt, unter der sie litten.

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An einer anderen Stelle der Chronik heißt es, dass man während des Zweiten Weltkriegs die Produktpalette „von Keks und Waffel auf Knäckebrot und Zwieback“ umgestellt habe, um die Versorgung von Bevölkerung und Wehrmacht sicherzustellen. „Anstelle der an der Kriegsfront kämpfenden ehemaligen Mitarbeiter wurden dem Unternehmen polnische und französische Gefangene zugewiesen, die deren Aufgaben übernahmen.“

Bahlsen, im Laufe des Kriegs zum „kriegswichtigen Betrieb“ erklärt, nimmt in der eigenen Wahrnehmung eine sehr passive Rolle ein. Professor Grieger erklärt: „Um Arbeitskräfte zu bekommen, musste die Initiative vom Unternehmen ausgehen.“

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Auf BILD-Anfrage teilte Bahlsen am Montag mit, dass bereits in den 60er-Jahren „umfassende Untersuchungen zur Zwangsarbeit im Unternehmen vorgenommen“ wurden. Konkrete Ergebnisse konnte das Unternehmen BILD nicht nennen.

Als einige der Frauen 1999 auf Entschädigung klagten, wies die deutsche Justiz die Klagen wegen Verjährung ab. Bahlsen überwies 2000 und 2001 anderthalb Millionen D-Mark an die Stiftung der deutschen Wirtschaft für die Entschä­di­gung ehema­liger Zwangs­ar­beiter.

Ein Sprecher von Bahlsen sagte am Montag zu BILD: „Das Unternehmen ist sich bewusst, welch großes Leid und Unrecht den Zwangsarbeitern sowie vielen anderen Menschen damals widerfahren ist und erkennt hierin seine historische und moralische Verantwortung.“

Nach eigenen Angaben beschäftigte das Keks-Imperium zwischen 1942 und 1945 rund 200 Zwangsarbeiter, vor allem Frauen aus Osteuropa. 1999 berichteten ukrainische Zeitungen über die Arbeitssklavinnen von Bahlsen. Die Kiewer Frauen seien in ihrer Heimat abgeholt, in Viehwaggons verladen und ins rund 1500 Kilometer entfernte Hannover gebracht worden. Viele mussten ihre Familien und sogar Kinder zurücklassen – manche waren nicht einmal volljährig.

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