Ist das wirklich ein entscheidender Schritt zur Reduzierung des Plastikmülls? Der Discounter Aldi (Nord und Süd) setzt bei den Gemüse-Einwegtüten an!

Ab jetzt kosten die kleinen Einweg-Plastikbeutel für Obst oder Gemüse 1 Cent – laut Aldi ein symbolischer Wert! Zudem sollen sie ab Sommer 2019 nur noch aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden – „als weiterer Anreiz zum nachhaltigen Handeln“, wie das Unternehmen verkündet.

Aldi hatte vor drei Jahren bereits Geld für die Einkaufstüten verlangt – und damit den Verbrauch tatsächlich stark reduziert (45 Cent für eine Mehrwert-Tasche)! Gelingt das nun auch bei den Gemüsetüten? Und ist die Maßnahme geeignet, um den Plastikmüll zu reduzieren?

Eine Sprecherin von Aldi Süd zu BILD: „Die Bepreisung der Plastiktaschen hat die Verbraucher sichtlich zum Umdenken bewegt. Ein ähnliches Prinzip verfolgen wir mit dem symbolischen Cent für unsere Einwegtüten im Obst- und Gemüsebereich.“

Verfünffachung des Verbrauchs der kleinen Beutel

Wo Aldi das erfolgte „Umdenken der Verbraucher“ sieht, ist nur schwer zu begreifen: Nach der eigenen Auskunft von Aldi hat sich der Verbrauch der bisher kostenlosen Plastikbeutel durch die Bepreisung der Mehrwert-Taschen verfünffacht!

Die Sprecherin: „Wir erhoffen uns natürlich, dass die Nutzung der Einwegtüten nun deutlich abnimmt.“

Aber ist das bei einem Preis von einem Cent wirklich zu erwarten?

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Bringt das was?

► Kai Falk, Geschäftsführer für Kommunikation und Nachhaltigkeit beim Handelsverband Deutschland (HDE), sieht die Bepreisung grundsätzlich positiv: „Die Entscheidung vieler Händler, Kunststofftragetaschen nicht mehr umsonst abzugeben, war bisher sehr erfolgreich.“

Aldi und viele weitere Unternehmen des Einzelhandels hatten 2016 entschieden, Einkaufs-Plastiktaschen nur noch kostenpflichtig anzubieten. Seit der Selbstverpflichtung des Handels sei der Verbrauch der Tragetaschen laut Falk um zwei Drittel zurückgegangen.

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Doch wie die Zahlen von Aldi selbst zeigen, hat die Einführung vor allem zu einem geführt: zur Verbrauchs-Explosion bei den kostenlosen Beuteln!

► Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) sieht sich in dieser Entwicklung bestätigt. Sprecher Rolf Buschmann zu BILD: „Solange die Maßnahme den Verbraucher nicht belastet und ernsthaft davon abhält, Plastik zu konsumieren, ist das nicht mehr als Aktionismus und inhaltsloses Umwelt-Marketing.“

Klartext: Ein Cent für die Tüte ist zu billig, um wirklich etwas zu erreichen.

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► Zweifel gibt es auch am Sinn von Tüten aus nachwachsenden Rohstoffen: „Das sogenannte Bio-Plastik ist nicht kompostierbar und landet entweder direkt im Plastikmüll oder es wird, weil es von herkömmlichem Plastik nicht zu unterscheiden ist, aus dem Restmüll in den Plastikmüll aussortiert“, kritisiert Viola Hochgemuth von Greenpeace.

Des Weiteren würde es aus Zuckerrohr und Gen-Mais aus Übersee hergestellt – beide Erzeugnisse hätten eine katastrophale Öko-Bilanz. Und zu allem Überfluss würde Aldi mit der 1-Cent-Masche nun sogar noch an den Einweg-Tüten verdienen bzw. die Kosten reduzieren.

Hunderttausende Tonnen Müll exportiert Deutschland jedes Jahr

Deutschland gehört nach einer Untersuchung zu den Müll-Spitzenreitern in Europa: Jeder Deutsche verursachte im Jahr 2016 durchschnittlich 38 Kilogramm Plastikmüll, wie der vergangene Woche vorgestellte „Plastikatlas 2019“ von Heinrich-Böll-Stiftung und BUND zeigte.

Im EU-Vergleich toppen das nur Luxemburg mit 50,5 Kilogramm pro Kopf, Irland (46,2) und Estland (42,2). EU-Durchschnitt: 24 Kilogramm Plastikmüll pro Kopf.

Deutschland verschifft einen großen Teil seines gebrauchten Plastiks nach Asien. Daran haben auch die Kosten für Plastiktaschen seit 2016 wenig geändert: Allein aus Deutschland gingen 2018 nach vorläufigen Zahlen des Umweltbundesamtes etwa 130 000 Tonnen mehr oder weniger sortierter Plastikabfall nach Malaysia. Nach Vietnam wurden 57 000 Tonnen geliefert, nach Indonesien 64 000, nach Indien 68 000 und nach Hongkong 73 000 Tonnen.

Grüne: Wir brauchen keine Symbolpolitik der Unternehmen

Das EU-Parlament hat im März eine Richtlinie auf den Weg gebracht, die Einweg-Plastik verbieten will, das am häufigsten im Meer auftaucht. Das muss nun von den Mitgliedstaaten in nationales Recht umgewandelt werden. Greenpeace fordert laut der Sprecherin einen „Plastikmüll-Ausstieg“.

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) setze bisher aber nur auf Selbstverpflichtung der Unternehmen, kritisiert Greenpeace.

Katharina Dröge, Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im Bundestag zu BILD: „Um Plastikmüll wirksam zu reduzieren, brauchen wir keine Symbolpolitik von einzelnen Unternehmen sondern einen umfassenden Plan der Bundesregierung.“

Es sei peinlich, dass die Bundesregierung bisher keine Idee hat, wie sie vorgehen will.

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