Die Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde treffen sich jetzt zu ihrer jährlichen Versammlung. Die Gemeinschaft ist seit langem in Deutschland präsent. Sie präsentierte sich als liberaler Verband. Doch es gibt auch Kritik.

Rund 40.000 Gläubige werden zum Jahrestreffen 2019 der Ahmadiyya-Gemeinde in Karlsruhe erwartet. Sie treffen sich zu Gebeten, aber auch, um über aktuelle Punkte zu sprechen, zum Beispiel die Integration. Das internationale Oberhaupt der Ahmadiyya-Gemeinden, Kalif Mirza Masroor Ahmad, kümmert sich höchstpersönlich um dieses Thema, erklärt ein Pressesprecher. 

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat, wie sie offiziell heißt, wurde 1889 in Indien gegründet. Mit ihren bis zu zwölf Millionen Mitgliedern in über 204 Ländern ist sie die weltweit größte Gemeinschaft organisierter Muslime. Allerdings stellen sie in keinem islamischen Staat die Mehrheit. Im Gegenteil, überall finden sie sich als Angehörige einer Minderheit.

In Deutschland hat die Ahmadiyya-Gemeinde eigenen Angaben zufolge rund 40.000 Mitglieder. Sie behauptet zudem von sich, die am schnellsten wachsende islamische Reformbewegung der Gegenwart zu sein. Ihr Hauptsitz befindet sich in London, Großbritannien.

Gründer Mirza Ghulam: „Sekundärprophet“ und Messias

Die Gemeinschaft geht auf den Reformtheologen Mirza Ghulam (1835-1908) zurück. Der in Punjab geborene Prediger verstand sich selbst als „Sekundärprophet“ (Zilli Nabi) und Messias (Mahdi). Als solcher habe er göttliche Offenbarungen erhalten. Die anderen islamischen Gemeinschaften lehnten diesen Anspruch ab. Auf ihn gehen auch die teils bis heute anhaltenden Gegensätze der Ahmadiyya-Gemeinschaft zu anderen islamischen Organisationen zurück.

Hadrath Mirza Masroor Ahmad, der fünfte Kalif der Ahmadiyya Muslim Jammat, 2013

Nach und nach bildete sich allerdings auch innerhalb der Ahmadiyya-Gemeinde eine Gruppe, die das Selbstverständnis ihres Gründers ablehnte. Nach dem Tod des Gründers spaltete sich die Gemeinde. Der eine Teil fand sein Zentrum in Lahore, der andere in Qadiyan. Die erste, die Lahore-Ahmadiyya, bestritt Ghulams Anspruch, ein Prophet zu sein. Die andere Gruppe, die Qadiyan-Ahmadiyya, gründete nach Ghulams Tod ein – spirituelles – Kalifat. Dessen derzeitiger Nachfolger, der fünfte Kalif, Mirza Masroor Ahmad, hat seinen Sitz in London.

Die Ahmadiyya in Deutschland

In Deutschland ließen sich erste Ahmadiyya-Mitglieder bereits im frühen 20. Jahrhundert nieder. Damit stellt die Gemeinschaft hierzulande die älteste Organisation überhaupt. Seit den 1920er Jahren unterhält die Gruppe auch Moscheen in Deutschland. Als die Ahmaddiya zu Beginn der 1970er Jahre in Pakistan aus dem Islam ausgeschlossen wurde, kamen weitere ihrer Mitglieder nach Deutschland.

In Deutschland gründete sich die Ahmadiyya Muslim Jamaat als rechtlicher Verein 1988 in Frankfurt am Main. Ihre Mitglieder führen überwiegend die Tendenz der Qadiyan-Ahmadiyya fort, bekennen sich also zum Anspruch ihres Gründers, ein Prophet zu sein.

Die Ahmadiyya Jamaat erklärt sich auf ihrer Homepage als einzige islamische Bewegung, die seit mittlerweile über 100 Jahren von einem rein spirituellen „Kalifat“ geleitet werde. „Der Kalif der AMJ, Seine Heiligkeit Hadhrat Mirza Masroor Ahmad, ist damit das weltweit wichtigste muslimische Oberhaupt“, so die Gemeinde in ihrer Selbstdarstellung.

Kritik: wörtliche Auslegung des Korans

Die Gemeinschaft, heißt es auf ihrer deutschen Webseite, trete „für die ursprünglichen Werte des Islam“ ein. Dazu zählt sie: „Barmherzigkeit gegenüber allen Menschen, absolute Gerechtigkeit, Gleichwertigkeit von Frau und Mann, Trennung von Religion und Staat, Beendigung gewalttätiger Aktionen im Namen der Religion sowie die Menschenrechte, wie sie im Koran festgelegt worden sind.“

Jahrestreffen der Ahmadiyya Muslim Gemeinschaft in Karlsruhe, 2018

Zugleich setzt die Ahmadiyya Gemeinde konsequent aufIntegration, und zwar auch in (vereins)rechtlicher Hinsicht. Dies hat dazu geführt, dass sie seit 2013 in Hessen, seit 2014 auch in Hamburg eine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist. In Hessen ist sie zudem eine Kooperationspartnerin bei der Organisation des islamischen Religionsunterrichts. 

Die Religionssoziologin Necla Kelek spricht der Gemeinschaft ihren liberalen Charakter gleichwohl ab. Nach außen gebe sich die Gruppe liberal. Tatsächlich aber nähmen die Mitglieder den Koran und die Sunna als Allahs Gesetz wortwörtlich. „Damit ist auch gemeint, dass die Welt in Gläubige und Ungläubige geteilt wird, genau wie wir es in diesen erzkonservativen Bewegungen auch sehen.“ Auch würden Männer und Frauen weiterhin strikt voneinander getrennt.

Im Internet präsentiert sich die Ahmadiyya-Gemeinde demgegenüber als tolerante Gemeinschaft, auch unter Berufung auf ein Zitat aus der zweiten Sure des Koran: „Es soll kein Zwang sein im Glauben.“

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