Von wegen Einzelfall: Nach dem Missbrauchskandal in der katholischen Kirche wollen auch die Protestanten sexuelle Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen aufarbeiten lassen. Betroffene drängen auf Beteiligung.

Es ist einfach zu schön, das Märchen von der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in dem es keinen sexuellen Missbrauch gibt. Eine heile Welt ohne Zölibat, ohne Hierarchien und ohne den Ausschluss von Frauen aus kirchlichen Ämtern. Immer wieder wurde dieses Märchen von der Kanzel verkündet, viele der 21 Millionen Kirchenmitglieder haben es geglaubt.

Ein Irrtum. Leider. Denn nicht nur in der katholischen Kirche wurden in Deutschland jahrzehntelang Kinder und Jugendliche missbraucht. Deren Skandal hatte im September dieses Jahres eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz belegt. Auch in der evangelischen Kirche tun sich ähnliche Abgründe auf.

Verdrängte „Einzelfälle“

Mittlerweile ist unter Protestanten und Betroffenen, die aus der Kirche ausgetreten sind, eine heftige Debatte über Missbrauch ausgebrochen. „Die evangelische Kirche hat immer gesagt, wir haben ’nur‘ Einzelfälle“, erinnert sich Kerstin Claus. „Das ärgert mich, auch weil es zeigt, wie viel Unkenntnis in diesem Bereich herrscht.“

Kerstin Claus ist Mitglied im Betroffenenrat für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Kerstin Claus gehört dem Betroffenenrat des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs des Bundes an. Sie wurde Mitte der 80er Jahre als 14-Jährige zwei Jahre lang von ihrem damaligen Pfarrer und Religionslehrer in Niederbayern missbraucht.

479 bearbeitete Anträge von Missbrauchsopfern liegen der EKD bisher vor. Zwei Drittel davon stammen von Heimkindern. Bei der katholischen Kirche sind im Zeitraum von 1946 bis 2014 laut Studie der Bischofskonferenz 3.677 Minderjährige vergewaltigt oder missbraucht worden. In beiden Kirchen geht man von hohen Dunkelziffern aus, weil viele Opfer ihre Täter vermutlich gar nicht angezeigt haben oder kein Gehör fanden.

„Nichts zu beschönigen“

Die EKD-Synode Mitte November in Würzburg beschloss deshalb, erstmals in allen 20 evangelischen Landeskirchen wissenschaftlich verlässliche Daten zu erheben und diese anschließend in einer „Meta-Studie“ zusammenzuführen. Parallel dazu ist eine sogenannte Dunkelfeldstudie geplant. Sie soll Straftaten aufspüren, die nicht registriert wurden.

Ehemalige Heimkinder fordern Entschuldigung und Entschädigung bei einer Demonstration in Berlin

Noch ist also nicht absehbar, wie viele Menschen in der evangelischen Kirche missbraucht wurden. Nur eins ist sicher: Der katholische Dreiklang aus unterdrückter Sexualität, Zölibat und Klerikalismus reicht als Erklärung für systematischen Missbrauch nicht mehr aus. Auch in der evangelischen Kirche gab und gibt es ein strukturelles Problem und spezifische Faktoren, die sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch begünstigten. 

„Es gibt nichts zu beschönigen“, räumte Kirsten Fehrs bei der Synode, so die Bezeichnung des evangelischen Kirchenparlaments, ein. Fehrs ist Bischöfin der Nordkirche und zugleich Sprecherin des „Beauftragtenrates für Schutz vor sexualisierter Gewalt“ der EKD. „Wir haben uns gegenüber uns anvertrauten Menschen schuldig gemacht. Auch als Institution“, so Fehrs.

Evangelische Risikofaktoren

Bischöfin Kirsten Fehrs, hier beim Evangelischen Kirchentag 2013 in Hamburg, setzte sich für Aufklärung von Missbrauchsfällen in der Nordkirche ein

Die Bischöfin ist in der EKD eine Pionierin der Aufarbeitung. Sie ließ eine 2014 veröffentlichte Studie in Auftrag geben, die dann dokumentierte, wie ein Pfarrer in der Nähe von Hamburg 25 Jahre lang Jugendliche aus seiner Gemeinde missbrauchte.

Die Studie benennt auch spezifisch evangelische Risikofaktoren. „Die unreflektierte Vermischung von Privatem und Dienstlichem, und dezentrale Strukturen, die unklar machen, wer für was zuständig ist – all dies senkt Hemmschwellen für potentielle Täter“, lautet die Bilanz.  

Zu den „evangelischen Spezifika“ gehört für die Betroffene Kerstin Claus auch der Bereich der Jugendarbeit rund um die Konfirmation. Jugendliche würden hier leicht in besondere Nähe und Offenheit einbezogen. Diese Konstellation könne leicht ausgenutzt werden. 

„Missglückte Beziehung“

Für die Arbeit mit Jugendlichen und Konfirmanden will die EKD Schutzkonzepte gegen sexuellen Missbrauch erarbeiten

„Betroffene ordnen Übergriffe häufig nicht als sexuellen Missbrauch ein, sondern eher als missglückte erste Beziehung, weil sie schon in einem Alter sind, in dem sexuelle Kontakte nicht komplett ausgeschlossen sind und so – selbst wenn nicht erwünscht – doch zum akzeptierten Teil von Nähe werden können“, so Claus. Hier brauche es seitens der evangelischen Kirche die klare Vorgabe, dass Beziehungen in der kirchlichen Jugendarbeit nicht toleriert werden. 

Wie viele Betroffene sieht Kerstin Claus die nun beschlossene Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der EKD als ersten wichtigen Schritt. Doch Betroffene müssten weiterhin darum kämpfen, wahrgenommen zu werden, so ihre Kritik. Und  noch immer gebe es kein Netzwerk, das Austausch und Zusammenarbeit von Betroffenen fördert. 

Kerstin Claus weiß, wovon sie spricht. Sie brauchte lange, bis sie sich durchrang, überhaupt etwas gegen den Täter zu unternehmen. „In den 80er Jahren war es deutlich schwieriger für Betroffene, etwas zu sagen, noch dazu, wo man immer dem Pfarrer geglaubt hätte“, erinnert sie sich.

Erst 2003 zeigte Claus ihren Peiniger bei der bayerischen Landeskirche an. Doch sie bekam keine Rückmeldung und wurde als Opfer nicht befragt. Später erfuhr sie, dass ein Disziplinarverfahren eingeleitet, aber gegen eine Spendenzahlung eingestellt worden war.

Der Täter ist weiterhin als Pfarrer tätig. Und er leitet mittlerweile eine evangelische Bildungsakademie, in der Beratungsseminare für Eltern, die Probleme mit ihren pubertierenden Kinder haben, angeboten werden. 

„Ich finde das unsäglich“, sagt sie. „Ich hatte immer nur mit Kirchenjuristen zu tun, die versucht haben, meine Vorwürfe abzuwehren. Erst 2012 reagierte die Kirchenleitung: Heinrich Bedford-Strohm, damals Landesbischof der evangelischen Kirche in Bayern, und heute auch EKD-Ratsvorsitzender, entschuldigte sich bei ihr.

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