„Das Private ist politisch“ – so lautet das Motto der Berliner Filmfestspiele 2019. Nicht nur private Dramen, die einen politischen Hintergrund haben, sind damit gemeint. Im Wettbewerb läuft auch knallhartes Polit-Kino.

Drei Filme, dreimal Politik im Kino bei den Berliner Filmfestspielen 2019. Die Berlinale galt schon immer als das politischste unter den großen Filmfestivals weltweit. Das hat seinen Grund unter anderem in der Historie: Lange war die Berlinale das Festival, das West und Ost miteinander verband. Zu Zeiten des Kalten Krieges, als die Mauer noch stand, schlugen die Berlinale und die dort gezeigten Filme kulturelle Brücken für Filmschaffende und für das Publikum.

Politisches Festival auch in der globalisierten Welt von heute

Den Ruf hat das Festival verteidigt, auch wenn sich das Weltgeschehen inzwischen verändert hat. In den Nebenreihen der Berlinale, in Forum und Panorama, werden traditionell viele politische Filme gezeigt, vor allem auch Dokumentationen. Doch auch im Wettbewerb finden sich immer wieder Filme, die Politik und Zeithistorie in Augenschein nehmen. Das ist auch in diesem Jahr so.

Dick Cheney und seine Frau Lynn – eine Ehepaar, das der Regisseur mit Macbeth-Eigenarten ausstattet

„Das Private ist politisch“ sei das Motto des Festivals in diesem Jahr, hatte Berlinale-Chef Dieter Kosslick im Vorfeld verkündet, und in diesen Tagen finden sich drei Filme, die diese These trefflich belegen. Spektakulär geriet die Premiere von „Vice“. Der US-Film ist derzeit in aller Munde, weil Hauptdarsteller Christian Bale in der Rolle des ehemaligen US-Vize-Präsidenten Dick Cheney gerade alle internationalen Schauspieler-Preise abräumt und als heißer Oscar-Kandidat gehandelt wird. Bale ist in diesem Jahr fast der einzige Hollywood-Superstar, den das Festival auf dem Roten Teppich zu bieten hat.

Agententhriller aus Israel, der auch in Deutschland spielt

Doch auch der Film „The Operative“ des israelischen Regisseurs Yuval Adler bietet dezidiert politisches Kino, gräbt es sich doch tief ein in die Windungen des Nahost-Konflikts und die Probleme des Mittleren Ostens, erzählt von Israelis und Iranern, Deutschen, Briten und Amerikanern, von Terror und Spionage.

Umjubelter Berlinale-Gast aus Hollywood: Christian Bale

Am weitesten weg vom klassischen Polit-Kino bewegt sich der türkische Wettbewerbsbeitrag „Kiz Kardesler“ („A Tale of Three Sisters“), einer Geschichte aus der anatolischen Provinz, die unter anderem von Geschlechterverhältnissen handelt. Doch auch hier ahnt der Zuschauer rasch: Die patriarchalische Gesellschaft, wie sie von Regisseur Emin Alper vorgestellt wird, birgt politischen Sprengstoff – wenn auch vielleicht erst in naher Zukunft.

Verruchter Politiker: US-Vize-Präsident Dick Cheney

Drei Mal Politik und Film, drei auch ästhetisch ganz unterschiedliche Ansätze mit dem Thema auf der Leinwand umzugehen. „Vice“ von Regisseur Adam McKay bietet im Grunde genommen eine klassische Politiker-Filmbiografie, die Leben und Werk des amerikanischen Politikers Dick Cheney nacherzählt – klassisch allerdings nur im Sinne von Handlung und Deutung. Da bewegt sich McKays Film ganz nah an der Serie „House of Cards“: Dick Cheney (Christian Bale) steht dem dämonischen Auftreten eines Frank Underwood kaum nach. 

Kurz nach dem Anschlag auf das World-Trade-Center: das Ehepaar Cheney in „Vice“

Cheney, von 2001 bis 2009 unter George W. Bush ungemein mächtiger „Vize“, gilt vielen Experten heute als eigentlicher Drahtzieher der US-Politik jener Jahre. McKay stellt ihn uns als gewieften Strippenzieher vor, der die Fäden in Washington in der Hand hält und die politischen Puppen tanzen lässt – auch seinen Chef, den Präsidenten. Dass Cheney skrupellos vorging, private (wirtschaftliche) Interessen mit politischen verband, dass benennen Regie und Buch ganz deutlich.

Solange aus Hollywood noch solche kritischen Polit-Filme kommen, muss man sich um das US-Kino keine Sorgen machen.

Auf den Spuren von Michael Moore

Interessant ist vor allem die Machart von „Vice“. Hier scheint Amerikas bekanntester Dokumentarfilmregisseur Michael Moore seine Spuren auch im Spielfilm hinterlassen zu haben. Der Witz, die satirische Schärfe, in Bild und Ton, das alles erinnert an Moores beißende Filmsatiren zur US-Politik und -Gesellschaft.

Diane Kruger als Mossad-Agentin in „The Operative“

Auf klassischem Spionage-Film-Terrain bewegt sich der israelische Regisseur Yuval Adler, wenn er eine Mossad-Agentin (gespielt vom deutschen Hollywood-Star Diane Kruger) nach Teheran, Israel und Deutschland schickt. Er habe keinen Film nach James-Bond-Machart im Sinn gehabt, sagte Yuval in Berlin und wenn man nach Vorbildern sucht, dann fällt einem auch hier zunächst eine populäre US-Serie ein.

Wenn Kruger mit Kopftuch durch Teheran streift, dann erinnert das stark an Carrie Mathison in der Serie „Homeland“. Und auch hier sind es die menschlichen und daher höchst moralischen Konflikte, das Nachdenken über Gut und Böse und die stets präsente Frage, inwiefern man seine Unschuld bewahren kann im Job einer Agentin, die im Vordergrund des Films steht.

Das Team von „The Operative“ bei der Berlinale-Premiere

Blick in die Provinz

„A Tale of Sisters“ dagegen ist Polit-Kino in einem eher hintergründigen Sinn. Hier ist es das „Private“, dass vielleicht einmal ins Politische münden wird, das thematisiert wird. Drei Schwestern in einem anatolischen Dorf: Alle drei kehren aus der Stadt mit schlechten Erfahrungen zurück ins Dorf, nur der Vater und der Ehemann der ältesten Tochter wohnen noch im Haus. Die Konflikte explodieren.

 

Regisseur Emin Alper zeigt das Leben der drei Frauen in einer streng männerdominierten Welt. Sie nehmen sich zwar untereinander Freiheiten heraus und reden überraschend offen, doch an der grundsätzlichen Rollenverteilung wird kaum einmal gerüttelt. Dass das nicht immer so sein wird, dass sich das auch in der zentralanatolischen Provinz einmal ändern könnte, das ist eine Erkenntnis dieses stillen Films, der auch die unterdrückte Wut der weiblichen Protagonisten zum Thema macht.

„A Tale of Three Sisters“ deckt verkrustete Familienstrukturen auf

Alle drei Filme laufen bei der Berlinale im Wettbewerb, „Vice“ und „The Operative“ allerdings „außer Konkurrenz“, sie können also keine Preise gewinnen am Ende der Berlinale. Ein seltsames Festival-Statut, das kein Zuschauer und auch niemand in der Fachwelt mehr versteht. Warum laufen diese Filme nicht – wie so viele andere bei der Berlinale – einfach in einer der vielen Nebenreihen? Aber das ist offensichtlich Festival-Politik – und die ist manchmal noch schwerer zu durchschauen als die Weltpolitik.

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